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Wilhelm Voigt hatte 1906 ein Problem, das viele kennen: Er brauchte Papiere. Der Schuster hatte einen großen Teil seines Lebens im Gefängnis verbracht, fand als Vorbestrafter keine Arbeit und bekam keinen Pass. Ohne Pass keine Arbeit, ohne Arbeit kein geregeltes Leben. Ein Kreislauf, aus dem er auf legalem Weg nicht herauskam. Also wählte er einen anderen Weg, und der bestand aus Stoff und Messing.

Voigt kaufte sich in verschiedenen Trödelläden Stück für Stück die gebrauchte Uniform eines preußischen Hauptmanns zusammen. Sie passte nicht perfekt, aber das musste sie auch nicht. Denn Voigt hatte begriffen, was im Preußen dieser Zeit wirklich zählte: nicht der Mensch in der Uniform, sondern die Uniform selbst.

Ein Kommando, dem niemand widersprach

Am 16. Oktober 1906 zog er die Montur an, stellte sich auf die Straße und tat schlicht so, als hätte er das Sagen. Er sprach eine Gruppe Soldaten an, die gerade vom Dienst kam, befahl ihnen, ihm zu folgen, und die Soldaten gehorchten. Ein Hauptmann befahl, also folgte man. Niemand fragte nach einem schriftlichen Auftrag. Mit seiner kleinen Truppe fuhr Voigt in die Kleinstadt Köpenick bei Berlin, besetzte das Rathaus, ließ den Bürgermeister „wegen Unregelmäßigkeiten“ festsetzen und beschlagnahmte die Stadtkasse. Über 4.000 Mark, ordentlich quittiert, versteht sich. Er stellte sogar eine Empfangsbestätigung aus.

Die eigentliche Ironie: Voigt suchte einen Pass. Köpenick hatte aber gar kein Passamt. Er hatte eine ganze Stadt übernommen und fand trotzdem nicht das eine Dokument, wegen dem er die Sache überhaupt angefangen hatte. Er nahm das Geld, schickte die Soldaten mit dem Befehl weg, den Ort eine halbe Stunde zu bewachen, und verschwand in der Menge.

Der Kaiser lachte

Zehn Tage später wurde Voigt gefasst. Was dann geschah, hätte er sich nicht besser ausdenken können. Die Geschichte lief durch die Zeitungen der ganzen Welt, und alle sahen dasselbe darin: einen kleinen Mann, der die blinde Uniformgläubigkeit des Kaiserreichs mit deren eigenen Mitteln vorführte. Selbst Kaiser Wilhelm II. soll herzlich gelacht und Voigt einen „genialen Kerl“ genannt haben. Nach zwei Jahren wurde er auf Anordnung des Kaisers begnadigt.

Der Kurz-Check

  • Gauner: Wilhelm Voigt, arbeitsloser Schuster
  • Der Coup: Besetzung des Rathauses Köpenick mit geliehener Autorität
  • Schauplatz: Köpenick bei Berlin
  • Jahr: 1906
  • Wichtigstes Werkzeug: eine zusammengekaufte Hauptmannsuniform
  • Was danach geschah: nach zwei Jahren vom Kaiser begnadigt, danach als Attraktion gefeiert

Aus dem Gauner wurde ein Star. Voigt trat auf Jahrmärkten und in Varietés auf, ließ sich in Uniform fotografieren und verkaufte Autogramme. Der Schriftsteller Carl Zuckmayer machte aus dem Stoff später das Theaterstück „Der Hauptmann von Köpenick“, das bis heute gespielt und verfilmt wird. Voigt selbst wollte nie ein Held sein. Er wollte nur einen Pass. Am Ende bekam er stattdessen etwas, das er sich nie hätte kaufen können: einen Platz in der Geschichte, ausgerechnet dafür, dass er die deutsche Autoritätshörigkeit an einem einzigen Nachmittag lächerlich machte.

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