Die cleversten Gauner der Geschichte

Kategorie: Hochstapler & Verwandlungskünstler

Die Erbin, die es nie gab

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Anna Sorokin wuchs in Deutschland auf, in einer ganz normalen Familie in der Nähe von Aachen. Ein paar Jahre später bewegte sie sich durch die New Yorker Oberschicht, als hätte sie nie etwas anderes gekannt. Aus Anna Sorokin war Anna Delvey geworden, eine deutsche Erbin mit angeblich sechzig Millionen Euro auf einem Treuhandkonto. Das Vermögen gab es nicht. Alles andere spielte sie perfekt.

Ihr Werkzeug war kein Trick und kein Schloss, sondern das Auftreten. Teure Kleidung, hundert Dollar Trinkgeld für den Concierge, die richtigen Namen im richtigen Moment. Wer so selbstverständlich auftritt, wird selten gefragt, ob er auch zahlen kann. Genau darauf baute sie.

Luxus auf Pump

Anna Delvey wohnte in noblen Boutique-Hotels und schob die Rechnung vor sich her. Sie lud Bekannte zu teuren Essen und Reisen ein und ließ am Ende gern andere zahlen. Eine Freundin blieb nach einem gemeinsamen Luxusurlaub in Marokko auf einer Rechnung von rund sechzigtausend Dollar sitzen. Anna gab weiter die sorglose Erbin, für die Geld nie eine Frage war.

Ihr großer Plan war kein Diebstahl, sondern ein Aufstieg. Sie wollte einen exklusiven Kunstclub gründen, die „Anna Delvey Foundation“, und klapperte dafür Banken und Investoren ab. Es ging um einen Kredit von rund zweiundzwanzig Millionen Dollar. Und sie kam erstaunlich weit. Fachleute prüften ihre Unterlagen, eine Bank soll ihr sogar einen Vorschuss gewährt haben. Alles auf Basis eines Reichtums, den es nie gegeben hat.

Der Kurz-Check

  • Gauner: Anna Sorokin, alias „Anna Delvey“, in Deutschland aufgewachsen
  • Der Coup: gab sich als Millionenerbin aus und prellte Hotels, Banken und Bekannte
  • Schauplatz: New York
  • Jahr: etwa 2013 bis 2017
  • Schaden: rund 275.000 Dollar erbeutet, angepeilt hatte sie 22 Millionen
  • Was danach geschah: 2019 verurteilt, wurde zur Pop-Ikone samt Netflix-Serie

Der Bluff fliegt auf

Irgendwann holte die Wirklichkeit sie ein. Hotels bestanden auf Bezahlung, Schecks platzten, Rechnungen blieben offen, und die Bekannten, die auf ihren Kosten sitzen geblieben waren, verloren die Geduld. 2017 wurde Anna Sorokin verhaftet. Zwei Jahre später verurteilte sie ein Gericht in New York wegen Betrugs und Diebstahls von Dienstleistungen zu mehreren Jahren Haft.

Das Bemerkenswerte ist nicht, dass sie aufflog, sondern wie lange es gut ging. Niemand hatte ernsthaft nachgeprüft, weil alle glauben wollten, was sie sahen. Anna Delvey führte einer ganzen Stadt vor, wie leicht sich Status vortäuschen lässt, wenn man nur überzeugend genug so tut, als gehöre man dazu. Reue zeigte sie kaum. Aus der Hochstaplerin wurde eine Berühmtheit, samt Serie und Schlagzeilen. In gewisser Weise ist ihr der größte Bluff also doch geglückt.

Mehr zum Fall

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Wie eine gebrauchte Uniform eine ganze Stadt regierte

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Wilhelm Voigt hatte 1906 ein Problem, das viele kennen: Er brauchte Papiere. Der Schuster hatte einen großen Teil seines Lebens im Gefängnis verbracht, fand als Vorbestrafter keine Arbeit und bekam keinen Pass. Ohne Pass keine Arbeit, ohne Arbeit kein geregeltes Leben. Ein Kreislauf, aus dem er auf legalem Weg nicht herauskam. Also wählte er einen anderen Weg, und der bestand aus Stoff und Messing.

Voigt kaufte sich in verschiedenen Trödelläden Stück für Stück die gebrauchte Uniform eines preußischen Hauptmanns zusammen. Sie passte nicht perfekt, aber das musste sie auch nicht. Denn Voigt hatte begriffen, was im Preußen dieser Zeit wirklich zählte: nicht der Mensch in der Uniform, sondern die Uniform selbst.

Ein Kommando, dem niemand widersprach

Am 16. Oktober 1906 zog er die Montur an, stellte sich auf die Straße und tat schlicht so, als hätte er das Sagen. Er sprach eine Gruppe Soldaten an, die gerade vom Dienst kam, befahl ihnen, ihm zu folgen, und die Soldaten gehorchten. Ein Hauptmann befahl, also folgte man. Niemand fragte nach einem schriftlichen Auftrag. Mit seiner kleinen Truppe fuhr Voigt in die Kleinstadt Köpenick bei Berlin, besetzte das Rathaus, ließ den Bürgermeister „wegen Unregelmäßigkeiten“ festsetzen und beschlagnahmte die Stadtkasse, rund 3.557 Mark. Er stellte sogar eine Empfangsbestätigung aus.

Die eigentliche Ironie: Voigt suchte einen Pass. Köpenick hatte aber gar kein Passamt. Er hatte eine ganze Stadt übernommen und fand trotzdem nicht das eine Dokument, wegen dem er die Sache überhaupt angefangen hatte. Er nahm das Geld, schickte die Soldaten mit dem Befehl weg, den Ort eine halbe Stunde zu bewachen, und verschwand in der Menge.

Der Kaiser lachte

Zehn Tage später wurde Voigt gefasst. Was dann geschah, hätte er sich nicht besser ausdenken können. Die Geschichte lief durch die Zeitungen der ganzen Welt, und alle sahen dasselbe darin: einen kleinen Mann, der die blinde Uniformgläubigkeit des Kaiserreichs mit deren eigenen Mitteln vorführte. Selbst Kaiser Wilhelm II. soll herzlich gelacht und Voigt einen „genialen Kerl“ genannt haben. Nach zwei Jahren wurde er auf Anordnung des Kaisers begnadigt.

Der Kurz-Check

  • Gauner: Wilhelm Voigt, arbeitsloser Schuster
  • Der Coup: Besetzung des Rathauses Köpenick mit geliehener Autorität
  • Schauplatz: Köpenick bei Berlin
  • Jahr: 1906
  • Wichtigstes Werkzeug: eine zusammengekaufte Hauptmannsuniform
  • Was danach geschah: nach zwei Jahren vom Kaiser begnadigt, danach als Attraktion gefeiert

Aus dem Gauner wurde ein Star. Voigt trat auf Jahrmärkten und in Varietés auf, ließ sich in Uniform fotografieren und verkaufte Autogramme. Der Schriftsteller Carl Zuckmayer machte aus dem Stoff später das Theaterstück „Der Hauptmann von Köpenick“, das bis heute gespielt und verfilmt wird. Voigt selbst wollte nie ein Held sein. Er wollte nur einen Pass. Am Ende bekam er stattdessen etwas, das er sich nie hätte kaufen können: einen Platz in der Geschichte, ausgerechnet dafür, dass er die deutsche Autoritätshörigkeit an einem einzigen Nachmittag lächerlich machte.

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