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Im Sommer 1976 hatte die Société Générale in Nizza ein Problem, von dem sie noch nichts wusste. Unter ihrem Tresorraum, in dem Hunderte Kunden ihre Schließfächer mit Schmuck, Bargeld und Dokumenten wähnten, war jemand am Graben. Der Mann hieß Albert Spaggiari, war Fotograf, ehemaliger Fallschirmjäger und hatte eine Schwäche für große Gesten.
Spaggiari hatte den wunden Punkt der Bank gefunden: Der Tresorraum galt als uneinnehmbar von oben, war aber von unten kaum gesichert. Direkt darunter verlief die Kanalisation von Nizza. Von dort ließ sich der Rest mit Geduld und einer Schaufel erledigen.
Zwei Monate graben für ein Wochenende
Über Wochen buddelte Spaggiaris Bande einen rund acht Meter langen Tunnel vom Abwasserkanal bis unter den Tresorraum. Bevor sie zuschlugen, machten sie der Legende nach eine Probe der besonderen Art und schoben einen Wecker in den Raum, um zu prüfen, ob ein Geräusch Alarm auslöst. Es tat sich nichts. Der Tresor war gegen vieles gesichert, nur nicht gegen Männer, die von unten kamen.
Sie warteten das lange Wochenende des Nationalfeiertags ab. Die Bank geschlossen, die Stadt im Feiertagsmodus. In der Nacht brachen sie durch den Boden des Tresorraums, und dann taten sie das, was ihnen alle Zeit der Welt verschaffte: Sie verbarrikadierten die schwere Tür von innen. Von außen kam niemand rein, und sie hatten zwei volle Tage ungestört Zeit.
Wein, Pastete und ein guter Spruch
Was folgte, war weniger Raubüberfall als geduldige Fleißarbeit. Die Bande öffnete Schließfach um Schließfach, mehrere Hundert insgesamt. Die Beute wird auf mehrere Millionen Francs geschätzt, genaue Zahlen kennt bis heute niemand, weil nicht jeder Bestohlene gern zugab, was in seinem Fach lag. Zwischendurch gönnten sich die Männer eine Pause, mit Wein und Pastete, mitten im Tresor.
Als sie fertig waren, verschwanden sie durch ihren Tunnel zurück in die Kanalisation. Zurück ließen sie kein Blut, keine Verletzten, keinen Schaden an Menschen. Nur einen Satz, den sie an die Wand geschrieben haben sollen und der bis heute mit dem Fall verbunden ist: ohne Waffen, ohne Hass, ohne Gewalt.
Der Kurz-Check
- Gauner: Albert Spaggiari, Fotograf und ehemaliger Fallschirmjäger
- Der Coup: Tunnel durch die Kanalisation in den Tresorraum der Société Générale
- Schauplatz: Nizza
- Jahr: 1976
- Beute: geschätzt mehrere Millionen Francs
- Was danach geschah: gefasst, dann spektakulär aus dem Gericht geflüchtet, nie wieder gefasst
Der Absprung durchs Fenster
So sauber der Coup war, unsichtbar blieb Spaggiari nicht. Über einen Mitwisser kam die Polizei ihm auf die Spur, und im Oktober 1976 wurde er gefasst. Doch die beste Szene hob er sich fürs Gericht auf. Während einer Vernehmung im Büro des Untersuchungsrichters näherte er sich dem Fenster und sprang. Er landete auf einem geparkten Auto, von dort auf ein wartendes Motorrad, und weg war er.
Spaggiari wurde nie wieder gefasst. Er lebte jahrelang unter falschem Namen im Ausland, meldete sich gelegentlich mit Briefen und Interviews und pflegte genüsslich sein Image als Gentleman-Gauner. 1989 starb er an Krebs. Der Mann, der durch die Kanalisation kam und durchs Fenster ging, blieb bis zum Schluss seinem Stil treu.
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