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London im Jahr 1724 hatte einen neuen Star, und der saß im Gefängnis. Jedenfalls meistens. Jack Sheppard war Anfang zwanzig, gelernter Tischler, klein, drahtig und ein miserabler Verbrecher, wenn man den Erfolg an der Beute misst. Er stahl Kleinigkeiten, wurde oft erwischt und landete regelmäßig hinter Gittern. Nur blieb er dort nie lange.
Was Sheppard von anderen Dieben unterschied, war nicht die Gier, sondern das Handwerk. Als gelernter Tischler kannte er Türen, Schlösser, Balken und Mauerwerk. Und er hatte keine Angst vor Höhe, Enge oder der langen Nacht, die ein Ausbruch braucht. Gewalt gehörte nicht dazu. Sheppard schlug niemanden nieder, er verschwand einfach.
Vier Gefängnisse, vier offene Türen
Sein erster Ausbruch führte ihn durch die Decke einer Zelle. Beim zweiten Mal feilte er sich mit seiner Gefährtin durch die Gitter und ließ sich an zusammengeknoteten Laken hinab. Jedes Mal wurde die Geschichte in London ein Stück größer, und mit ihr der Ärger der Obrigkeit. Denn Sheppard machte die Wärter, die Richter und die ganze Ordnung lächerlich, und das Publikum liebte ihn dafür.
Verraten wurde er von Jonathan Wild, dem selbsternannten „Dieb-Fänger von England“, der in Wahrheit ein doppeltes Spiel trieb: Er lieferte kleine Diebe ans Messer und kassierte die Belohnung, während er selbst ein Verbrechernetz führte. Wild sorgte dafür, dass Sheppard in Newgate landete, dem gefürchtetsten Gefängnis der Stadt.
Der Ausbruch, der ihn unsterblich machte
In Newgate legte man ihn in schwere Eisen und sperrte ihn in einen besonders gesicherten Raum. Es half nichts. Sheppard befreite sich aus den Fesseln, arbeitete sich durch sechs verriegelte Türen und Kammern, kletterte aufs Dach und ließ sich mit einer Decke in die Freiheit hinab. Ein Ausbruch, den Fachleute später für kaum möglich hielten. Als man ihn kurz darauf wieder fasste, war er längst eine Legende. Der Maler Sir James Thornhill kam ins Gefängnis, um ihn zu porträtieren, und die Menschen standen Schlange, um den kleinen Mann zu sehen, der sechs Türen bezwungen hatte.
Der Kurz-Check
- Gauner: Jack Sheppard, gelernter Tischler und Dieb
- Der Coup: viermal aus dem Gefängnis ausgebrochen, zuletzt angekettet aus Newgate
- Schauplatz: London
- Jahr: 1724
- Wichtigstes Werkzeug: Geschick, Tischlerhände und starke Nerven
- Was danach geschah: mit 22 Jahren gehängt, wurde zur Legende und inspirierte Brechts Mackie Messer
Vom Galgen auf die Bühne
Das Ende war weniger heiter. Im November 1724 wurde Sheppard in Tyburn gehängt, mit gerade einmal 22 Jahren. Zur Hinrichtung kamen angeblich zweihunderttausend Menschen, ein Viertel der damaligen Stadt. Er hatte sogar noch einen letzten Fluchtplan, ein Messer im Ärmel, doch diesmal kam er nicht dazu.
Sheppard war tot, seine Geschichte nicht. Seine Geschichte wurde zum Stoff für Bücher, Balladen und Bühnen. Vier Jahre nach seinem Tod schrieb John Gay „The Beggar’s Opera“, deren charmanter Verbrecher Macheath von Figuren wie Sheppard inspiriert ist. Und aus dieser Bettleroper machten Bertolt Brecht und Kurt Weill zweihundert Jahre später „Die Dreigroschenoper“, mit dem berühmtesten aller sympathischen Gauner: Mackie Messer. So gesehen hat Jack Sheppard seinen letzten Ausbruch doch noch geschafft, mitten hinein in die Kulturgeschichte.
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